Übergabe ohne Taktstock

VON ELKE SCHÄLE-SCHMITT

REUTLINGEN-SONDELFINGEN. Schön wurde gesungen bei der Frühlingsserenade des Sondelfinger Liederkranzes, schön und vielseitig: von Hansjörg Hummels Gruß an das Publikum über vertonte Ringelnatzgedichte, Kunstlieder von Robert Schumann und Franz Schubert bis zum Schlager-Evergreen. Allerdings trat der Gesang diesmal fast ein wenig in den Hintergrund, so ereignisreich war der sonstige Abend. Der »alte« Dirigent wurde verabschiedet, der neue begrüßt – und der feierte just an diesem Tag auch noch seinen sechzigsten Geburtstag.

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge stehe er heute auf der Bühne, erklärte Liederkranz-Vorstand Karl-Ulrich Ruggaber. Gelte es doch »Abschied zu nehmen von einem Chorleiter, den wir in all den Jahren lieb gewonnen haben«. Anderthalb Jahrzehnte lang hat Robert Wieland den Sondelfinger Chor dirigiert, neben seinem Hauptberuf als Lehrer an der Musikschule Filderstadt und neben der Leitung diverser Ensembles: Reutlinger Kammerorchester, Jugendsinfonieorchester und »Sinfonietta« der Filderstädter Musikschule, Kammerorchester der FILharmonie sowie Bosch-Streichersolisten.

Überraschung nach der Pause

Über all diesen Aufgaben sei er, anders als der Dirigent in Sebastian Blaus Gedicht vom »Gsangverei’«, niemals »rabiat ond überzwerch« geworden, sondern immer ruhig und ausgeglichen geblieben, lobte Ruggaber. »Schade, dass Sie uns verlassen« – das kam spürbar von Herzen. Ruggabers dennoch lachendes zweites Auge galt dem Neuen: Axel Göller, diplomierter Musikpädagoge, der seit 1991 als freier Musiklehrer in Reutlingen Klavier, Keyboard, Orgel und Gesang unterrichtet. Seit 2006 dirigiert Göller den Männerchor des Rommelsbacher Sängerkranzes, seit 2010 zudem den Frauen- und den Männerchor der Harmonie Pliezhausen.

Und seit Anfang des Jahres nun also auch den gemischten Chor in Sondelfingen. »Der Wechsel hat sich viel unproblematischer vollzogen als befürchtet«, berichtete Ruggaber, »trotz der kurzen, arbeitsintensiven Vorbereitungszeit für die Serenade.« Nun sollte der Wechsel auch mit einer offiziellen Geste zelebriert werden, und dabei bewies der Liederkranz ein geschicktes dramaturgisches Händchen. Da Chorleiter keinen Taktstock benutzen, also auch keinen übergeben können, dirigierte zunächst Wieland den Chor, der nicht mehr »seiner« war, dann übernahm Göller.

Danach setzten sich beide ans Klavier und erfreuten das Publikum vierhändig mit Brahms-Walzern, Diabelli-Scherzo und ein bisschen Ragtime. »Gas geben darf der Neue«, erklärte Wieland schmunzelnd und überließ dem Kollegen das Pedal. Doch damit war das Zeremonielle noch nicht erledigt. »Nach der Pause Überraschungsprogramm« – über diesen Hinweis auf dem Programmzettel durfte das Publikum beim Pausensekt rätseln. Die Lösung: Zu Axel Göllers rundem Geburtstag waren auch seine Sänger aus Rommelsbach und Pliezhausen nach Sondelfingen gekommen.

So wurde die Serenade im zweiten Teil des Abends kurzerhand zum Geburtstagskonzert umfunktioniert, und dabei wurde es richtig voll auf der Bühne. Gemeinsam und im Wechsel breiteten alle vier Chöre das ganze Spektrum der Chormusik vom mittelalterlichen Tagelied bis zum Wise-Guys-Ständchen vor dem Publikum aus, das sich mit begeistertem Beifall für den kurzweiligen Abend bedankte. (GEA)